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Von Paaren und der Selbstreflektion

In der Paartherapie höre ich ganz oft folgenden Satz: „Wenn du mich wirklich liebst, dann nimmst du mich so, wie ich bin“. Es ist natürlich eine sehr schöne Idee sich zu wünschen, dass unser Partner uns uneingeschränkt so akzeptieren soll, wie wir sind - ob wir nun depressiv sind, uns oft gereizt verhalten, Haustiere haben, einem kostspieligen Hobby nachgehen oder vier Kinder aus erster Ehe da sind. Natürlich wünschen sich die meisten von uns, dass unser Partner uns blind verstehen und locker mit uns umgehen kann, mit all unseren Schattenseiten und Macken. Gleichzeitig bedeutet diese Haltung aber auch, dass man selber nichts an seiner eigenen Situation ändern muss, an sich selber nicht arbeiten muss, dass unsere Schwächen halt zur Persönlichkeit gehören und es die Aufgabe des anderen ist, diese zu akzeptieren. Das führt immer wieder zu Enttäuschungen, insbesondere wenn unser Partner dies eine Zeit lang mitmacht und irgendwann feststellt, dass er oder sie selber in diesem Setting zu wenig Platz hat.


Häufig ist es so, dass dies bei beiden Partnern Thema ist. Über die Jahre kann das sehr zermürbend sein. Es passieren immer wieder kleine Enttäuschungen und Verletzungen, auf beiden Seiten, was mit der Zeit die Liebe abtötet. Beide haben einen bestimmten Grund, warum sie von ihrem Gegenüber erwarten, sie so zu akzeptieren wie er oder sie ist. Meistens sind dies Menschen, die in ihrer Entwicklung und in ihren Erfahrungen zu kurz gekommen sind, und immer wieder das Gefühl verspürt haben, nicht richtig zu sein. Über die Liebesbeziehung erhoffen sie sich schliesslich, dass der Partner sie flickt - indem sie genau so angenommen werden, wie sie eben gerade sind.


Doch das wird nicht passieren: Jede und jeder muss selbst die Verantwortung für die eigenen Besonderheiten und die (manchmal) übersteigerten Bedürfnisse übernehmen. Das heisst, dass man bei einer Depression in eine Therapie geht, sich einer chronischen Gereiztheit stellt und auf den Grund geht und offen ist für ein Gespräch über Haustiere, Hobbies und die Ängste vor der Grossfamilie. Es benötigt einen hohen Grad an Selbstreflexion um zu erkennen, welche alten Sehnsüchte noch heute in uns schlummern, obwohl wir schon längst erwachsen sind.

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